„Pflege muss stärker Teil der Gesellschaft werden“

Interview mit Andreas Westerfellhaus, dem Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung, zur Zukunft der Pflege.

Lesezeit 2 Minuten Lesezeit


Die Gestaltung der Pflege ist eines der wichtigsten Zukunftsthemen. Was muss sich verändern und welche Rolle spielen digitale Angebote? Ein Gespräch mit Andreas Westerfellhaus, dem Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung.

Andreas Westerfellhaus

ist Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung. Er tritt für die Interessen der Pflegebedürftigen im politischen Raum ein.

Herr Westerfellhaus, Sie waren selbst aktiv in der Pflege und haben Pflegende ausgebildet. Inwiefern haben sich die Bedürfnisse der Pflegebedürftigen gewandelt?

Andreas Westerfellhaus Die meisten Pflegebedürftigen wollen möglichst lange selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben – das war schon früher so und ist es heute noch. Verändert hat sich  natürlich die Lebenssituation, vor allem der älteren Pflegebedürftigen, da es kaum noch Mehrgenerationenhaushalte gibt oder die Angehörigen nicht mehr nahe genug wohnen, um selbst zu pflegen. Umso wichtiger sind ambulante Angebote und digitale Unterstützung.

Der Markt der Smart Home-Lösungen für die häusliche Pflege wächst. Wie schätzen Sie das Potenzial ein?

Westerfellhaus Digitale Helfer wie Sturzerkennungssensoren, Abschaltsysteme für Haushaltsgeräte oder smarte Notrufsysteme können Angehörigen die Pflege erleichtern und den Betroffenen mehr Sicherheit im Alltag geben. Dieses Entlastungspotenzial ist enorm und muss viel mehr ausgeschöpft werden.

Und wie steht es um die Digitalisierung in der professionellen Pflege?

Westerfellhaus Vor allem in der Langzeitpflege ist von Digitalisierung leider häufig noch zu wenig zu spüren. Dabei könnten Pflegekräfte viel mehr ihrer Zeit mit der Pflege der Menschen statt mit unnötigem Papierkram verbringen. Dazu braucht es einfache und sinnvolle Anwendungen, etwa für Anträge und Dokumentationen, die Pflegekräfte und Pflegebedürftige überzeugen. Eine Voraussetzung ist natürlich, Pflegeeinrichtungen schnell und flächendeckend an die Telematikinfrastruktur anzubinden.

Welche Aufgaben erwarten eine neue Bundesregierung bei der Gestaltung der Pflegepolitik?

Westerfellhaus Es gilt, die bereits beschlossenen Maßnahmen konsequent umzusetzen: ein Personalbemessungsverfahren in der stationären Pflege einführen, pflegeferne Tätigkeiten durch das Neuausrichten der interprofessionellen Zusammenarbeit entlasten sowie die Pflege durch den stärkeren Einsatz digitaler Medien entbürokratisieren. Erst wenn ein Umfeld geschaffen ist, in dem Pflegekräfte wieder gerne arbeiten, werden Teilzeitkräfte aufstocken und Schulabgänger sich für einen Pflegeberuf entscheiden. Und Pflege muss stärker ein normaler Teil unserer Gesellschaft werden. Einrichtungen der Langzeitpflege sollten in die Angebote der Kommunen eingebunden und ehrenamtliche Mitarbeit gefördert werden.
Aber auch Pflegehaushalte brauchen zielgerichtete Hilfe, etwa durch die Umsetzung eines flexibel einsetzbaren Entlastungsbudgets. Damit könnten individuelle Pflegearrangements passgenau gestaltet und mit professionellen oder ehrenamtlichen Angeboten vernetzt werden, so wie viele Pflegebedürftige es sich wünschen.

TK-PflegeKompakt

Rund drei Viertel der Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause versorgt. Oft sind ihre Angehörigen berufstätig oder haben aufgrund der Pflege wenig Zeit, sich Fachwissen anzueignen. Doch wer gut informiert ist, fühlt sich sicherer und kann mit der Pflegesituation besser umgehen. Daher haben die TK und Vilua Healthcare im Austausch mit pflegenden Angehörigen und Pflegebedürftigen die App TK-PflegeKompakt entwickelt. Sie bündelt alle wichtigen Infos und Angebote der TK – vom Online-Pflegeantrag bis zur Pflegekurssuche.