Kliniken brauchen bedarfsgerechtere Finanzierung

Die Reform der deutschen Krankenhausfinanzierung bedarf einer Weiterentwicklung - um unerwünschte Effekte in Kliniken zu reduzieren.

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Zwei Jahrzehnte nach der Einführung der Fallpauschalen in der deutschen Krankenhausfinanzierung ist es Zeit für eine Bilanz. Die Reform war damals ein wichtiger Schritt für mehr Transparenz, Wirtschaftlichkeit und Patientenorientierung in der stationären Versorgung. Doch gleichzeitig kritisieren Fachleute auch unerwünschte Effekte wie etwa eine Tendenz zu immer mehr Eingriffen und geringe Anreize für eine höhere Qualität. Die TK regt deshalb eine maßvolle Weiterentwicklung an.

Bundesweite Versorgungsstufen

Grundlage für das TK-Konzept zur Reform der Krankenhausfinanzierung ist eine strukturierte regionale Versorgungsplanung anhand bundesweit einheitlich vorgegebener Versorgungsstufen. In der Folge ist mit einem Abbau der Überversorgung in Ballungsräumen zu rechnen. Das bedarfsgerechtere Angebot würde sich gleichzeitig entlastend auf den angespannten Arbeitsmarkt
für Pflegekräfte auswirken.

Modulares Vergütungssystem

Darauf aufbauend schlägt die TK ein modular aufgebautes Vergütungssystem vor, welches in einem Gesamtbudget pro Krankenhaus mündet. Dieses besteht aus einem separaten Krankenhausbudget für Vorhaltekosten, Fallpauschalen zur Honorierung von medizinischen Leistungen sowie einem Qualitätsmodul. Die Budgets sollen die Krankenkassen analog zum Pflegebudget mit einer leistungsgerechten Umlage finanzieren.

80%

der Rückenoperationen sind nicht notwendig. Das zeigt das
TK-Zweitmeinungsangebot, bei dem Versicherte mit einer
Krankenhauseinweisung für eine Rückenoperation ihre Diagnose
in speziellen Schmerzzentren überprüfen können
.

Budget für Vorhaltekosten

Das modular aufgebaute Budget würde unter anderem ländlichen Kliniken und Häusern mit Spezialdisziplinen besser gerecht werden, die aktuell Probleme bei der Kostendeckung haben. Vorhaltungen machen einen hohen Anteil ihrer Kosten aus. Die derzeitigen Fallpauschalen berücksichtigten dies jedoch nicht ausreichend. Deshalb sollen Vorhaltekosten und Teile der fallfixen Kosten nicht mehr über die DRG finanziert werden. Vielmehr soll eine Klinik – sofern sie für die Versorgung notwendig ist – einen leistungsunabhängigen Anteil des Budgets zur Deckung dieser Kosten erhalten. Die DRGs decken dann nur noch die reinen Behandlungskosten. Gleichzeitig reduziert ein solches Budget die Anreize, aus finanziellen Gründen immer mehr Behandlungen vorzunehmen.

„Die Fallpauschalen haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten grundsätzlich bewährt. Aber die Kliniken müssen bei der Behandlung neben den medizinischen Bedürfnissen zunehmend auch die finanziellen Interessen ihres Hauses beachten. Hier sollten wir die Vergütung durch einen Anteil für Qualität und einen von den Fallzahlen losgelösten Anteil des Budgets für die Vorhaltekosten ergänzen.
Dadurch könnten wir die verschiedenen Versorgungsziele beispielsweise ein effizientes und bedarfsgerechtes Angebot, eine konsequente Patientenorientierung und eine qualitativ hochwertige Versorgung – in einem ausgewogenen Verhältnis gewichten.“

Inken Holldorf, Fachbereichsleiterin für stationäre Versorgung bei der TK

„Die in Deutschland oft kritisierte Krankenhausfinanzierung über sogenannte Fallpauschalen gibt es in fast allen Industrienationen. Besonders an unserem System ist, dass wir die Krankenhausentgelte fast ausschließlich von der Anzahl und der Schwere der Eingriffe abhängig machen. Andere Länder sind etwas breiter aufgestellt.
Oft gibt es weitere Kriterien – beispielsweise Zuschläge für die Qualität eines Eingriffs oder Zuschläge für Kliniken, die für die Versorgung benötigt werden, aber aufgrund ihrer ländlichen Lage strukturell höhere Kosten aufweisen.“

Professor Dr. Jonas Schreyögg, Gesundheitsökonom und Mitglied im Sachverständigenbeirat für das Gesundheitswesen

Qualitäts-Boni für besonders gute Behandlungen

Finanzielle Boni soll eine Klinik erhalten, die beispielsweise nachweisen kann, dass sie leitliniengerecht behandelt hat und Patienten und Patientinnen besonders schnell von Spezialistinnen und Spezialisten versorgt wurden oder aber das Haus deutlich überdurchschnittliche Qualitätsergebnisse erzielt hat. Dieser Finanzierungsbaustein setzt Anreize, dass die Kliniken innovative Konzepte aufbauen und weiterentwickeln, mit denen sie ihre Patientinnen und Patienten optimal behandeln. Gleichzeitig verschafft er ihnen die Mittel, die für solch innovative Programme notwendig sind.

Kürzere Wartezeiten vor Eingriffen und verkürzte Liegezeiten in Kliniken: Die Krankenhausversorgung in Deutschland hat sich in den letzten Jahren verbessert.

Gutachten

In seinem Gutachten „Bedarfsgerechte Gestaltung der Krankenhausvergütung – Reformvorschläge unter der Berücksichtigung von Ansätzen anderer Staaten“ beschreibt der Hamburger Gesundheitsökonom Professor Dr. Jonas Schreyögg die in Deutschland bestehenden Reformnotwendigkeiten und skizziert Lösungsansätze.