Patientennutzen muss in den Fokus

Der Innovationsreport bewertet Arzneimittelinnovationen nach dem Nutzen für Patientinnen und Patienten und ihren Kosten.

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Die Hoffnungen vieler Patientinnen und Patienten, die an schweren und bisher nur symptomatisch behandelbaren Krankheiten leiden, liegen auf der Entwicklung neuer Medikamente. Viele Betroffene erwarten daher von der pharmazeutischen Industrie neue und innovativ wirkende Arzneimittel, zum Beispiel zur Behandlung von Depressionen und Alzheimer-Demenzen, sowie auch neue Antibiotika.
Die seit 2013 veröffentlichten „Innovationsreporte“ der Techniker Krankenkasse und der Universität Bremen zeigen allerdings, dass vor allem große pharmazeutische Hersteller ihre Forschung dort verstärken, wo große Gewinne locken: Dazu gehören beispielsweise die rheumatoide Arthritis, Multiple Sklerose und Psoriasis, vor allem aber Krebserkrankungen, gegen die in den letzten Jahren regelmäßig ein Drittel aller neuen Arzneimittel angeboten wird. Hier sind die höchsten Preise zu erzielen, wahrscheinlich auch, weil gerade bei schicksalhaft auftretenden Erkrankungen wie Brust- oder Lungenkrebs der Preis eines Arzneimittels nicht zu kritischen Diskussionen führen darf.

Professor Dr. Gerd Glaeske

leitet die Abteilung Gesundheit, Pflege und Alterssicherung am Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik (SOCIUM) der Universität Bremen und ist dort als Professor für Arzneimittelversorgungsforschung tätig.

Gerade Krebspatientinnen und -patienten hoffen schließlich auf einen therapeutischen Fortschritt, auf ein längeres Leben, mehr Lebensqualität und weniger Nebenwirkungen. Ergebnisse aus der realen Versorgung sind allerdings häufig weniger hoffnungsvoll: Eine viel zitierte britische Studie kam zu dem Ergebnis, dass bei vielen neuen Krebsarzneimitteln die Überlebenszeit kaum und die Lebensqualität nicht sonderlich anstieg, dass aber die Preise auch für diese nur bedingt nützlichen Arzneimittel zum Teil objektiv nicht nachvollziehbare Größenordnungen erzielten.* Dies zeigen auch die Analysen der Innovationsreporte für die Jahre 2017 und 2018: Da stieg der durchschnittliche Packungspreis für neue Arzneimittel enorm, um das 2,4-fache – von 1.298 Euro auf 3.066 Euro.

Neue Modelle für die Festlegung von Arzneimittelpreisen sind deshalb erforderlich: Sie sollten echte Innovationen fördern, denn die brauchen wir, und ungerechtfertigte Preissteigerungen verhindern. Dass die pharmazeutischen Hersteller noch immer im ersten Jahr der Vermarktung den Preis ohne jede Einspruchsmöglichkeit selbst bestimmen können, ist ein Fehler in unserem System. Erst danach beginnen die Preisverhandlungen mit der GKV – auf Basis des Industriepreises. Sinnvoll wäre es, über ein transparentes Preismodell nachzudenken, das sich an den Ergebnissen des Patientennutzens bei neuen Arzneimitteln orientiert und den therapeutischen Fortschritt zum Maßstab macht.

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Innovationsreporte hat die TK zusammen mit der Universität Bremen bisher veröffentlicht. Im Fokus stand dabei die Frage, welchen Nutzen neu auf den Markt gekommene Medikamente für die Versicherten haben und wie sie sich, auch unter Kostenaspekten, auf das Gesundheitswesen auswirken.

Mehr Transparenz

Neu bedeutet nämlich keineswegs immer besser: Nur etwa 20 bis 25 Prozent der neuen Arzneimittel konnten in den TK-Analysen positiv bewertet werden. Die Innovationsreporte haben die Vorarbeit geleistet, um neue Preismodelle entwickeln zu können – der nachgewiesene Nutzen für die Versicherten muss dabei im Mittelpunkt stehen. Von dieser Prämisse muss sich künftig auch die Politik leiten lassen – es besteht dringender Reformbedarf.

*Davis C et al. (2017) BMJ, 359:j4530