Was jetzt zählt

Das Gesundheitswesen ist durch die Coronapandemie geprägt. Der Vorstand der TK verrät im Gespräch was jetzt besonders wichtig ist.

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Die Coronapandemie hat das Gesundheitswesen im zurückliegenden Jahr geprägt und tut es weiterhin. In diesem Jahr steht zudem die Bundestagswahl an. Was zählt jetzt in dieser besonderen Zeit für die TK und mit Blick auf die Gesundheitspolitik? Ein Gespräch mit dem Vorstand der TK: Dr. Jens Baas, Thomas Ballast und Karen Walkenhorst.

Dr. Jens Baas

ist Vorsitzender des Vorstands der TK. In dieser Funktion ist der promovierte Arzt für die Unternehmensbereiche Marke und Marketing, Finanzen und Controlling, Informationstechnologie, Unternehmensentwicklung, Politik und Kommunikation sowie Verwaltungsrat und Vorstand verantwortlich.

Thomas Ballast

ist stellvertretender Vorsitzender des Vorstands der TK. Der Diplom-Volkswirt verantwortet im Unternehmen die Bereiche Service und Kanäle, Versorgungsinnovation, Versorgungssteuerung sowie Service und Business Management.

Karen Walkenhorst

ist Mitglied des Vorstands der TK. Die Diplom-Sozialwissenschaftlerin ist für den
Unternehmensbereich Personal verantwortlich. Außerdem ist Karen Walkenhorst bei der TK für die Bereiche Mitgliedschaft und Beiträge sowie Markt und Kunde zuständig.

Das Jahr 2020 wird wohl als „Corona-Jahr“ in die Geschichte eingehen, 2021 stehen dazu richtungsweisende Wahlen an. Was zählt gerade in Sachen Gesundheit?

Dr. Jens Baas Die Situation im Gesundheitswesen ist doppelt herausfordernd: Einerseits gilt es weiterhin, die Pandemie und ihre Folgen so gut wie möglich zu managen. Dazu braucht es nicht nur gute Planung, sondern es müssen viele Rädchen ineinandergreifen. Gleichzeitig stehen jetzt viele zentrale Entscheidungen an, um das Gesundheitswesen für die Zukunft aufzustellen. Die Pandemie hat bestehende Schwachstellen noch einmal besonders deutlich werden lassen, sei es beim Stand der Digitalisierung oder auch bei den Versorgungsstrukturen mit unseren harten Sektorengrenzen und teilweise ausgeprägten regionalen Unterschieden. Die kommenden Jahre werden also spannend – für die Gesundheitspolitik, genauso wie für das Gesundheitswesen als Ganzes.

Was heißt das für die TK?

Thomas Ballast Unsere wichtigste Aufgabe ist und bleibt natürlich, unsere mehr als 10,7 Millionen Versicherten gut zu versorgen – und das zunehmend auch durch digitale Angebote. In der Pandemie hatten wir als TK den entscheidenden Vorteil, dass uns der enorm gestiegene Bedarf der Versicherten, ihre Anliegen digital zu regeln, nicht „kalt erwischt“ hat – im Gegenteil. Seit Jahren tragen wir mit unserem Service, unserem Sinn für Innovationen und unseren Leistungsangeboten den
veränderten Alltagsgewohnheiten und Bedürfnissen unserer Versicherten Rechnung. Viele digitale Angebote, die im Pandemiealltag eine konkrete Unterstützung boten, gab es daher bei uns schon. Ein Beispiel ist unsere digitale Fernbehandlung.

TK-Doc haben wir schon vor der Pandemie entwickelt und im vergangenen Jahr zu einem komplett digitalen Prozess ausgebaut, von der ärztlichen Behandlung per Video bis hin zum Ausstellen eines elektronischen Rezepts. So bot sich unseren Versicherten schon zur ersten Welle der Pandemie eine echte Alternative zum klassischen Arztbesuch.

Bedeutet Krankenkasse ab der Pandemie also in erster Linie „Krankenkasse digital“ – für die Versicherten und für Ihre Mitarbeitenden?

Baas Nein. Es geht nicht darum, auf Biegen und Brechen alles zu digitalisieren. Die Pandemie hat dazu geführt, dass viele Versicherte digitale Leistungen stärker nutzen, aber uns war gleichzeitig auch in dieser Zeit wichtig, persönlichen Austausch zu ermöglichen, wenn die Anliegen der Versicherten das erforderten.

Karen Walkenhorst Die Pandemie hat uns mit Nachdruck vor Augen geführt, wie schnell sich Rahmenbedingungen und Prioritäten in kürzester Zeit ändern können. Dafür sind die zahlreichen pandemiebezogenen Gesetzesinitiativen und Verordnungen nur ein Beispiel. Viele hatten direkte Auswirkungen auf die Arbeit unserer rund 14.000 Mitarbeitenden. Diese haben völlig neue Prozesse – etwa für das Organisieren von Rettungsschirmen – quasi über Nacht umgesetzt. Starre Hierarchien und Strukturen stoßen bei diesen Anforderungen schnell an ihre Grenzen. Rückblickend können wir sehr zufrieden sein: Wir haben oft schnelle und kreative Lösungen gefunden, dabei haben sich unsere Mitarbeitenden gegenseitig flexibel und interdisziplinär unterstützt – in einigen Bereichen ist das Arbeitsvolumen ja von heute auf morgen stark angestiegen. Der Blick geht aber auch nach vorn, denn jede Krise ist eine Chance zu lernen. Das gilt für Individuen wie auch für Unternehmen und natürlich auch für das System als Ganzes.

„Es ist keine Option, das Thema Veränderungen und Innovationen auszusitzen. Wir wollen den Wandel im deutschen Gesundheitswesen aktiv mitgestalten und vorantreiben.“

Dr. Jens Baas, Vorsitzender des Vorstands der TK

Welche „Learnings“ lassen sich denn aus der Pandemie ziehen?

Walkenhorst Wir müssen noch weiter weg von festen Strukturen und gedanklichen „Planquadraten“ hin zu einer flexiblen Arbeitsorganisation. Das macht den Arbeitsalltag nicht unbedingt einfacher, denn Strukturen geben natürlich Halt und Sicherheit. Hinzu kommt, dass wir auch nach der Pandemie stärker virtuell und räumlich getrennt zusammenarbeiten werden, als es vor Corona der Fall war. Umso wichtiger ist dabei eine offene, wertschätzende Kommunikation.

Ballast Uns als TK hat die Pandemie gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Aber ein „Schulterklopfen“ bringt uns nicht weiter. Wir haben als TK viele Impulse fürs System gesetzt – von der elektronischen Patientenakte und der elektronischen Krankschreibung bis zum elektronischen Rezept. Jetzt gilt es aber, diese Ansätze zu verstetigen und Skalierbarkeit zu ermöglichen. Dafür brauchen wir eine flächendeckende, optimal vernetzte und belastbare digitale Infrastruktur. Hier ist auch die Politik gefragt. Vernetzung sowie Datenqualität und -aktualität sind nur einige Stichworte. Denn auch das hat die Coronapandemie gezeigt: In Sachen strukturierter Gesundheitsdaten ist in Deutschland noch Luft nach oben, hier sind langfristige Lösungen gefragt.

Mit schnellen und kreativen Ansätzen war die TK auch in herausfordernden Zeiten für ihre Versicherten da.

Inwiefern lässt eine akute Pandemiesituation politischen Weitblick überhaupt zu?

Baas Die Pandemie hat – nicht nur die Politik, sondern die allermeisten von uns – dazu gezwungen, sich zunächst einmal um das Akute zu kümmern. Es ging darum, die aktuellsten Baustellen zu bearbeiten und dabei rasch Entscheidungen zu treffen. Doch auch in einer solchen Situation darf man das große Ganze nicht aus den Augen verlieren. In der Gesundheitspolitik stehen in der kommenden Legislaturperiode gleich mehrere Themen an, die langfristig für die Zukunftsfähigkeit des Systems sorgen. Dazu gehört neben der weiteren Gestaltung der digitalen Transformation auch ganz dringend, die Finanzen der gesetzlichen Krankenversicherung für die Zukunft aufzustellen. Dafür braucht es echte Strukturreformen und wir müssen es schaffen, das System effizienter zu gestalten. Doppelt durchgeführte Untersuchungen oder unnötige Operationen sind hier nur zwei Beispiele.

„Auch nach der Pandemie werden wir stärker virtuell zusammenarbeiten. Umso wichtiger ist dabei eine offene, wertschätzende Kommunikation.“

Karen Walkenhorst, Mitglied des Vorstands der TK

Dieser Geschäftsbericht steht auch unter den Schlagworten Mut und Offenheit. Ist es für eine Krankenkasse und Körperschaft öffentlichen Rechts nicht in erster Linie wichtig, dafür zu sorgen, dass Prozesse reibungslos funktionieren, statt sich Experimente zu leisten?

Walkenhorst Natürlich müssen Prozesse – wie in der Pandemie beispielsweise das Auszahlen von Kinderkrankengeld – reibungslos funktionieren, keine Frage. Das kann aber nur der Minimalanspruch an eine Krankenkasse sein. Wir haben mehr als 10,7 Millionen Versicherte, deren Alltag und Bedürfnisse sich permanent ändern. Unsere Mitarbeitenden sind immer nah dran, stehen in Kontakt zu unseren Versicherten und beobachten, was sich in Sachen Innovationen tut. Das ist die Grundlage, um innovative Impulse zu setzen. Dazu gehört auch, Neues auszuprobieren. Das funktioniert natürlich nur in einer Unternehmenskultur, die Neugier und Innovationsgeist fördert.

Baas Mut und Offenheit genau in diesem Sinne braucht es auch mit Blick auf die gesamte GKV. Wir als Krankenkasse sind nicht gut beraten, uns auf dem gesetzlich definierten Status auszuruhen. Denn das Thema Gesundheit ist für internationale Unternehmen ein sehr attraktiver Markt. Auch deshalb ist es keine Option, das Thema Veränderungen und Innovationen auszusitzen. Wir wollen den Wandel im deutschen Gesundheitswesen aktiv mitgestalten und vorantreiben.

Digitale Kanäle statt Briefe: Schon vor der Pandemie hat die TK die Digitalisierung des Gesundheitswesens konsequent vorangetrieben.

Was bedeutet das denn konkret für die TK-Versicherten?

Ballast Unsere Versicherten können sich darauf verlassen, dass wir auch weiterhin hart daran arbeiten, zu definieren, was eine wirklich gute Krankenkasse ausmacht. Erfolgreich sind wir dabei nur, wenn wir genau hinhören, was unsere Versicherten bewegt, um ihnen mit unseren Leistungen und unserem Service einen konkreten Mehrwert zu bieten.
Dazu gehört beispielsweise auch, dass wir einen eigenen Beauftragten für Patientensicherheit haben und unsere Versicherten dabei unterstützen, ihre digitale Gesundheitskompetenz auszubauen. Und unser Blick endet nicht am sprichwörtlichen Tellerrand. Deshalb setzen wir uns zum Beispiel auch dafür ein, das Thema Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen zu verankern, das einen immer bedeutenderen Faktor für die Gesundheit und unsere Ressourcen darstellt.

„Erfolgreich sind wir dabei nur, wenn wir genau hinhören, was unsere Versicherten bewegt, um ihnen mit unseren Leistungen einen konkreten Mehrwert zu bieten.“

Thomas Ballast, stellvertretender Vorsitzender des Vorstands der TK